Selbstständige Buchhalter sind sich ihrer Qualifikation oft nicht bewusst

Interview mit Uta-Martina Jüssen, Sprecherin der Selbstständigen im BVBC

Viele selbstständige Bilanzbuchhalter berechnen niedrige Stundensätze und werben zu wenig für ihre Leistungen. Das ergab kürzlich eine Umfrage des Softwareanbieters Agenda und des Bundesverbandes der Bilanzbuchhalter und Controller (BVBC) mitgewirkt hatte. Die Sprecherin der Selbstständigen im BVBC, Uta-Martina Jüssen, fordert ihre Kollegen im Gespräch mit Rechnungswesen-Portal.de zu mehr Selbstbewusstsein beim Einschätzen der eigenen Leistung auf. Die Fragen stellte Wolff von Rechenberg.

Frau Jüssen, die meisten selbstständigen Bilanzbuchhalter arbeiten zu Stundensätzen zwischen 30 bis 50 Euro. Das ergab eine Umfrage, die die Buchhalterseite, ein Projekt des Softwareherstellers Agenda in Kooperation mit dem Bundesverband der Bilanzbuchhalter und Controller, veröffentlichte. Handwerker sind oft teurer. Verkaufen Sie und Ihre Kollegen sich unter Wert?


Uta-Martina Jüssen: Ich bin nicht der Meinung, dass man sich zu diesen Preisen überhaupt anbieten sollte. Mir erschließt sich nicht ganz, auf welcher Kalkulationsgrundlage meine Kollegen zu Stundensätzen kommen, die unter dem Break-Even-Point liegen müssen. Ich glaube, viele Bilanzbuchhalter sind sich ihrer hohen Qualifikation nicht ausreichend bewusst, um ihre Leistungen zu angemessenen Preisen anzubieten.

60 Prozent der Befragten glaubten, dass man keine höheren Honorare am Markt erzielen könne. Stimmt das?

Jüssen: Aus meiner Sicht stimmt das nicht. Hier ist Persönlichkeit gefragt. Man muss sich als Selbstständiger verkaufen können. Ich denke, das Marketing in eigener Sache bereitet vielen meiner Kollegen Schwierigkeiten. Wenn ich eine Dienstleistung am Markt anbiete, muss ich auch den Wert dieser Dienstleistung vermitteln können. Wenn sich selbstständige Bilanzbuchhalter über die hohe Qualität ihrer Leistungen klar werden, dann können sie auch selbstbewusst am Markt auftreten und sagen: Diesen Preis muss ich erzielen. Ich bin gut ausgebildet, und meine Arbeit ist das auf jeden Fall wert.

Wie können selbstständige Bilanzbuchhalter dieses Selbstbewusstsein entwickeln?

Jüssen: Wir als BVBC bieten dazu Seminare und Fortbildungen an. Es ist bei uns möglich, dass man sich untereinander vernetzt. Das ist vor allem für selbstständige Bilanzbuchhalter wichtig. Sie sollten sich untereinander austauschen. So erfährt man, zu welchen Preisen die Kollegen arbeiten. Man muss über den Tellerrand hinausschauen. Dazu bieten sich die jährlichen Treffen des Arbeitskreises der selbstständigen Bilanzbuchhalter im BVBC an. Das nächste Arbeitskreistreffen auf Bundesebene findet dieses Jahr vom 19. bis 20. September statt. Dabei steht die gemeinsame Erarbeitung einer Gebührentabelle mithilfe aller Teilnehmer auf der Agenda. Wenn sie fertig ist, kann die Tabelle helfen, vernünftige Stundensätze zu etablieren.

Umsatzsteigerung gibt es nur durch mehr Mandanten, sagen die selbstständigen Bilanzbuchhalter fast einstimmig. Dennoch verzichtet jeder Dritte komplett auf Werbemaßnahmen. Ist das eine Folge des mangelnden Bewusstseins über den Wert der eigenen Leistung, oder gibt es noch andere Gründe?

Jüssen: Dahinter steckt noch mehr. Jeder, der die Ausbildung zum Bilanzbuchhalter beginnt, steht immer wieder vor einem Schild mit der Aufschrift: Achtung! Nur dem Steuerberater vorbehalten. Selbstständige Bilanzbuchhalter hören immer wieder, dass sie abgemahnt werden können, dass Strafen bis zu 5.000 Euro drohen, wenn sie Leistungen anbieten, die Steuerberatern vorbehalten sind. Dieses Schreckgespenst hat jeder selbstständige Kollege vor Augen. Aus Angst vor einer Abmahnung durch die Bundessteuerberaterkammer oder durch das Finanzamt verzichten viele selbstständige Bilanzbuchhalter auf Werbung. Aber wenn man bestimmte Regeln beachtet, dann können selbstständige Bilanzbuchhalter am Markt auftreten wie jedes andere Unternehmen, wie jeder Werbetreibende.

Wo könnte sich ein selbstständiger Bilanzbuchhalter Rat holen, wenn er unsicher ist, welche Dienste er anbieten darf? Muss er deswegen immer einen Anwalt fragen?

Jüssen: Im Bundesverband der Bilanzbuchhalter und Controller hilft der Arbeitskreis der Selbstständigen in diesen Fragen weiter. Dieser Arbeitskreis hat auf Bundesebene vier Arbeitskreisleiterinnen, die jederzeit für diese Fragen zur Verfügung stehen. Wir leisten diese Arbeit ehrenamtlich neben unserer selbstständigen Tätigkeit. Unser Ziel ist es, Fragen innerhalb von drei Werktagen zu beantworten. Dabei dürfen wir natürlich keine Rechtsberatung leisten. Es gibt jedoch beim Bundesverband eine Rechtsberatung, in der ein Rechtsanwalt für Fragen zur Verfügung steht. Das wird bei einer Erstberatung unter Umständen auch vom BVBC bezuschusst.

Stichwort: Verbandsarbeit. 80 Prozent der selbstständigen Bilanzbuchhalter stellt den Berufsverbänden ein gutes Zeugnis aus. Mit welchen Erwartungen treten die selbstständigen Bilanzbuchhalter den Verbänden, in Ihrem Fall dem BVBC gegenüber?

Die meisten Anfragen unserer selbstständigen Kollegen beziehen sich auf die gerade erwähnten Unsicherheiten. Selbstständige Bilanzbuchhalter bitten uns, einen Blick auf ihre Website zu werfen, ob alle Vorgaben eingehalten sind. Gerade Gründer fragen uns häufig, welche Leistungen sie anbieten dürfen und was sie beachten müssen. Die Beratung in Fragen der Gründung und Berufsausübung macht einen großen Teil der Anfragen aus, die uns erreichen. Aber auch die regelmäßigen Treffen und unsere Fortbildungsangebote sind für Selbstständige sehr wichtig. Selbstständige haben keinen Arbeitgeber, der ihnen Fortbildungen bezahlt. Außerdem erwarten die Selbstständigen auch, dass ein Verband durch Lobbyarbeit öffentlich ihre Interessen vertritt. 

Nach Angaben des BVBC bilden sich 95 Prozent aller selbstständigen Bilanzbuchhalter regelmäßig fort. Sind die selbstständigen Kollegen in diesem Punkt besonders eifrig?

Meiner Meinung nach müssen sich selbstständige Bilanzbuchhalter häufiger und regelmäßiger fortbilden als angestellte Kollegen. Die Umfrage ergab, dass viele Selbstständige allein arbeiten oder nur wenige Mitarbeiter haben. Angestellte haben mehr Möglichkeiten, sich untereinander in fachlichen Fragen auszutauschen. Mit ein Grund, dass nach meiner Erfahrung in Fortbildungsveranstaltungen die Zahl selbstständiger Bilanzbuchhalter teilweise über der der Angestellten liegt, obwohl sie ja unter den Bilanzbuchhaltern insgesamt in der Minderheit sind.

Uta-Martina Jüssen ist selbstständige Bilanzbuchhalterin in Niederkassel bei Köln. Sie leitet den BVBC-Arbeitskreis Selbständige in der Region Mitte. Als Präsidiumsmitglied und Sprecherin der Selbstständigen im BVBC vertritt sie deren Interessen auch gegenüber der Öffentlichkeit.



letzte Änderung W.V.R. am 11.09.2019
Autor(en):  Wolff von Rechenberg
Bild:  BVBC

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